Dieses Kammerl steht jedermann offen

12.05.2017

Viele Flüchtlinge, mehr Kunden und mehr Spenden fordern Kleiderkammerl und Kinderstube

Burghausen. Die Türglocke schellt fast ununterbrochen, wenn das Burghauser Kleiderkammerl seine Pforten öffnet. 18 Besucher befinden sich bereits im Laden. Es ist kaum ein Durchkommen. Mit einem lauten Quietschen schieben sie die Kleiderbügel die Stangen entlang. Zahllose Hemden, Hosen, Kleider und T-Shirts hängen daran – in beinahe allen Farben und Formen. In einem Regal sind hunderte Schuhpaare einsortiert. In einem Seitengang hält sich ein Mann, wohl ein Flüchtling aus dem Nahen Osten, eine beige Hose an die Hüften. Eine Frau schaut skeptisch auf ein langes Kleid mit großen Blumenmuster. „Three Euro“, sagt Monika Besier und hält drei Finger in die Höhe. Die Frau nickt und strahlt.

Besucherzahlen so hoch wie nie

Seitdem Asylbewerber und Flüchtlinge in Burghausen leben, muss sie immer öfter ins Englische wechseln. Das, immer mehr Arbeit und immer mehr Kunden sind neue Herausforderungen für das Kleiderkammerl.

1989 wurde die Institution gegründet. 1993 zog man in den Durchgang zum Altstadtcafé Vier Jahreszeiten; Betreiber ist der Deutsche Kinderschutzbund. Die Erlöse der Kleiderverkäufe – die Stücke kosten nur wenige Euro – gehen an den Kinderschutzbund und sind ein wichtiges Standbein der Organisation. Durch das Kleiderkammerl kann der Kinderschutzbund eine Familientherapeutin beschäftigen.

Gleich nach der großen Flüchtlingswelle 2015 seien besonders viele Asylbewerber vorbeigekommen, sagt Stellvertretende Vorsitzende Monika Besier. „Jetzt hat es sich ein wenig verteilt.“ Und trotzdem: Die Besucherzahlen sind so hoch wie nie. Bis zu 20 Gäste sind oft gleichzeitig im Geschäft, stöbern durch die Kleiderständer. Viele von ihnen gehen auch zur Tafel. Die Mehrheit seien aber ganz normale Leute, die günstig einkaufen wollen. „Am Donnerstag und Freitag kommen die meisten“, sagt Besier.

Im Nebenraum ist es ein wenig ruhiger. Dort befindet sich die Kinderstube. Sie wurde 1996 eröffnet und hier gibt es – das verrät schon der Name – alles für die kleinen Gäste. Ende 2014 ist sie in neue Räume, direkt neben dem Kleiderkammerl gezogen. Die meiste Kleidung gibt es für fünf und sechsjährige Kinder, dazu Spiele, Schulranzen, Kuscheltiere. Auch hier ist die Flüchtlingswelle deutlich zu spüren. Viele Asylbewerber, die in der Region leben, kaufen hier für ihre Kinder ein. Vor allem Kinderjeans sind gefragt.
An einem kleinen Tisch malt gerade ein Mädchen in ein Malbuch. Sie sitzt auf einem bunten Stuhl und schaut konzentriert auf das Motiv. Die Mama sucht derweil nach neuen Kinder-TShirts. Janosch und die Tigerente beobachten von einem Plakat am Fenster aus das Treiben.

40 Mitarbeiter helfen ehrenamtlich

„Die Arbeit wird ziemlich viel“, sagt Monika Besier. Auch weil immer weniger Ehrenamtliche helfen, die gebrauchte Ware zu sortieren, einzuräumen und zu verkaufen. 40 Mitarbeiter gibt es derzeit. Sie packen jeweils rund zwei Stunden pro Woche mit an. Etwa 3.000 Stunden pro Jahr engagieren sie sich unentgeltlich für die Einrichtung. Vor kurzem hatten sie Verstärkung. Eine junge Frau aus Syrien arbeitete mit. „Das war praktisch, sie konnte immer gleich übersetzen“, sagt Besier. Aber nachdem diese einen Ausbildungsplatz bekommen hat, müssen sich die Ehrenamtlichen wieder mit Englisch durchkämpfen.
Eine positive Entwicklung gab es aber auf jeden Fall in den vergangenen Jahren, lobt Monika Besier: Die Sachspenden haben zugenommen.
Burghauser Anzeiger - pfj


Viele Kunden bummeln duch das Kleiderkammerl und wollen günstig einkaufen.
© Pfingstl

Sie sind die guten Seelen des Kleiderkammerls: (v..l.) Brigitte Kastner, Monika Besier und Renate Ramgraber.
Foto: Pfingstl